Nicola Griffith
Ammonit
Science Fiction Roman, "Ammonite" (1993), deutsche Erstausgabe, München 1997, Heyne TB 06/5646, ISBN 3-453-11909-6, aus dem Amerikanischen von Ingrid Herrmann, Umschlagbild: Trevor Scobie, 19+90, 543 Seiten, gebunden
Rezensent: Peter Herfurth-Jesse
"Blind suchten sich ihre Lippen, sie saugten sich aneinander fest, kamen sich näher, bis Brüste auf Brüste ruhten, und ihre Körper sich umschlangen, als wären sie ein einziger Organismus. Ihr Atem ging in schweren, keuchenden Stößen. Marghe hatte das Gefühl, sie würde mit Thenike verschmelzen, sie spürte eine unsägliche Hitze, als wäre sie hinabgetaucht in den glutflüssigen Kern des Planeten." (S.362) So hohl kann gleichgeschlechtlicher Sex sein, genauso trivial wie jeder "Körpergebirgsergriffenheitssex" (Lassie Singers) zwischen Männern und Frauen. Was diesmal besonders schade ist, denn die Szene stellt den Wendepunkt eines bis dahin eher vielversprechenden Romans einer (für mich) "neuen" Autorin dar.
Irgendwo im Weltall wird der Planet Jeep entdeckt, auf dem ausschließlich Frauen leben. Die Kompanie, eine mächtige, allein der Protitmaximierung verpflichtete interstellare Handels- und Ausbeutungsorganisation, entsendet eine von bewaffneten Kräften begleitete Forschungsexpedition, deren männliche Angehörige alsbald einer unheilbaren Seuche erliegen. Der Planet wird umgehend unter Quarantäne gestellt, den überlebenden weiblichen Angehörigen der Expedition bleibt allein die Hoffnung auf einen noch zu erfindenden Impfstoff gegen den (für Schwanzträger mit fataler Zuverlässigkeit) tödlichen Virus.
Als ein Serum entwickelt ist, findet sich eine Freiwillige, die bereit ist, das Medikament zu erproben. Die engagierte Xenoanthropologin Marghe, die in der Vergangenheit schon einmal mit der Kompanie und deren Machenschaften Schwierigkeiten hatte, sieht die einmalige Chance, eine ganz besondere Gesellschaftsform zu erkunden: eine Welt der Frauen. Auf die Gefahr hin, den Planeten niemals wieder verlassen zu können, erklärt sie sich bereit, vor Ort den neuen Impfstoff auszuprobieren.
Auf Jeep angekommen, gerät Marghe auf einer Forschungsreise in die eisige Wildnis des dortigen Nordens in die Gewalt eines Stammes von Frauen, welche die Anthropologin gewaltsam "adoptieren" und gegen ihren erklärten Willen zu einer der ihren machen. In die Wildnis verschleppt und sorgfältig bewacht, lernt Marghe Uaithne kennen, eine Frau, die sich für eine mythologische Gestalt hält: für die persönlichen Botin des Todes - und Marghe für die Göttin des Todes. Auf der Flucht stirbt Marghe beinahe an Unterkühlung, aber sie wird von freundlichen Ackerbäuerinnen und Jägerinnen aufgenommen. Hier lernt sie auch Thenike kennen, eine umherziehende Geschichtenerzählerin und Heilerin. Durch die Unbillen der Witterung von ihren Vorräten des zu erprobenden Impfstoffes abgeschnitten, setzt sich Marghe der - auch für Frauen lebensgefährlichen - Infektion durch den Virus aus und entdeckt eine wundersame und phantastische Realität...
Bis hierher stand der Roman auf bewährten, festen Füßen: eine skrupellose interstellare Handelsgesellschaft, bereit, die eigenen treuen Soldatinnen bedenkenlos zu opfern. Eine einheimische Stammgesellschaft auf der Entwicklungsstufe von Jägerinnen, Sammlerinnen und Viehzüchterinnen. Traditionen, die das Zusammenleben der Einheimischen gewährleisten, und Außenseiterinnen - die Soldatinnen der Kompanie - die ihren Platz in dieser Welt noch finden müssen. Und im Mittelpunkt des Geschehens eine desillusionierte Wissenschaftlerin, die erkennen muß, daß sie die Welt nicht sachlich, neutral und analytisch beobachtnen kann, sondern ein Teil von ihr ist. Bis zur Mitte des Romans gelingt es Nicola Griffith, daraus einen packenden und überzeugenden Roman zu schreiben...
...dann aber verfällt sie heillos ins Triviale: vorzeitliche Intelligenzen, die in einem tückischen Virus weiterleben, der Virus selbst, der sich als wahre Wundertüte entpuppt und zu unermeßlichen Kräften und Begabungen verhilft, und schließlich eine Protagonistin, die in sich verborgene Talente entdeckt und aus der praktisch von einem Tag zum anderen ein völlig anderer Mensch und eine geachtete Führungspersönlichkeit in einer fremden Umgebung wird.
Letzten Endes erweist sich der vorliege Roman in seinem eskapistischen Kern als trivial und ärgerlich; daß einmal Frauen im Mittelpunkt des wahrhaftig unglaublichen Geschehens stehen, macht das Fiasko in meinen Augen auch nicht viel besser.