Januar 2004 in Augsburg |
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Deutschlands flächengrößter Con - immerhin reichten die Grenzen von Augsburg bis Chicago - führte wieder die
Fanelite in das komfortabelste Fünfsterne-Pfadfinderheim südlich der Weißwurstgrenze. Da es mir unmöglich
ist, diese Veranstaltung mit objektivem Blick zu betrachten, lasse ich es einfach. Augustacon 15 - das ist und bleibt auf immer
und ewig mein Einstieg ins Congeschehen. Jahrelang lernte ich Menschen über Internet und Papiermagazine kennen und die
meisten davon traf ich persönlich erstmals im vorigen Jahr. Und allen Neulingen im Fandom kann ich nur ans Herz legen: Scheut
keine Wege, keine Kosten, keine Mühen - werft Euch ins Congeschehen, denn selten wird man so schnell, direkt und herzlich von
Menschen aufgenommen wie dem durchschnittlichen Fan! Sicher gibt es auch - wie überall - Meinungsverschiedenheiten, aber
selbst diese werden zivilisiert beigelegt und selten wurde mehr als ein Verbandskasten verbraucht. Ich schaffte es gleich im
vorigen Jahr auf 3 Cons, und es ist durchaus eine Steigerung möglich... Doch jetzt zum diesjährigen AUGUSTACON 16Vor ein paar Milliarden Jahren pappten sich im blubbernden Urozean zwei gelangweilte schwule Amöben (damals waren alle Amöben mangels weiblicher Einzeller schwul, und trotzdem hat sich die Welt weiterentwickelt - das mal an die Adresse jener, die die "Abnormität" Homosexueller mit der Unfähigkeit der Fortpflanzung begründen...) irgendwo am Hintereingang ihrer Stammkoralle zum ersten Zweizeller zusammen. Es handelte sich faktisch um den Ur-Con. Seither geistert die Idee der Versammlung gleichgesinnter Individuen (unabhängig von Geschlecht und sexueller Ausrichtung) durch das kollektive Unterbewusstsein der lebenden Zellen. Fliegen versammeln sich auf Kadavern, Bäume in Wäldern und Politiker in gehobenen Rotlichtlokalen. Urlauber rotten sich in Quasigefängnissen zusammen und sind dabei noch glücklich. Und als Krönung der Evolution treffen sich deutsche SF-Fans regelmäßig zu Fress-, Sauf-, Diskutier-, Spiel- und Versteigerungsorgien, genannt der, die oder das Con. Und ich dacht mir, warum nicht? Fährst eben mal hin. Sind ja nur 9 Stunden von mir bis da. Oder so. Hier folgen die Geschehnisse in relativ chronotogischer Reihenfolge: Wenn schon der erste Zug, mit dem man fahren möchte, ausfällt und durch einen engen, überfüllten Bus ersetzt wird, rechnet man mit allem. Nur nicht damit, pünktlich bis Augsburg durchzukommen. Aber die Bahn hat es doch geschafft. Und das über mehrere Klimazonen... Graz. Trüb, frostig, windig. Die Frisur hält. Leoben. Schneefall. Die Frisur hält. Salzburg. Mild, Sonnenschein. Die Frisur hält. Augsburg. Platzregen. Frisur im Eimer. Kein Wunder, es waren ja auch 4 Wetter, und Taft hält nur für 3. Der Fußmarsch zum Congebäude war mit dem Kampf gegen das Wasser angefüllt. Der Regenschirm erwies sich als relativ schwach in der Abwehr waagerechten Wassereinbruchs und so weichten Schuhe, Hose und Haut langsam auf. Tasche und Rucksack vergaßen ihre Imprägnierung und ich danke dem kosmischen Schicksal, dass sich Handy und Digicam als wasserfest erwiesen. Mich hielt nur eine Hoffnung am Leben: Irgendwer ist sicher schon da und lässt mich rein. Ich muss nicht weitere Stunden durch den Regen irren und mir den Tod oder andere schlimme Krankheiten holen. Kilometer vor dem Congebäude sah ich schon das Licht der Rettung. Es fiel aus dem Fenster des oberen Stockes und leitete meinen Schritt, oder besser meinen Tauchgang. Ein wahrer Engel ließ mich ein und entpuppte sich als Pezi, die im Alleingang alle Vorbereitungen schmiss. Irgendwie musste ich auch erkennen, dass ich neben ihr der zweite Ankömmling war und mein stundenlanger Fußmarsch durch den strömenden Regen nur 15 Minuten gedauert hat. Zeit ist eben doch relativ. Nach dem Trockenlegen meiner Durchweichtheit unterstützte ich Pezi selbstlos beim Aufwischen des klebrigen Bodens. Zumindest mental. Ich kann einfach nicht tatenlos zuschauen, wie eine Frau sich abrackert. Aber wenn ich die Tür zugemacht bätte, wäre ich allein gewesen und hätte niemanden zum Reden gehabt. Also erfreute ich mich an den geschmeidigen Bewegungen, mit denen Pezi den Boden entkeimte und unterhielt sie nach besten Kräften mit meinen Kommentaren und gelegentlichen Hinweisen auf vergessene Stellen. Sie dankte es mir mit ihrem bezaubernden Lächeln. Wenigstens einer, der zu ihr stand! Immerhin wurde sie von den Mitveranstaltern schnöde im Stich gelassen. Antje schob scheinheilig lange Anfahrtswege als Entschuldigung vor (einfach lächerlich, denn mit dem Flieger wäre es ja eigentlich ein Anflugsweg...) und Flocky verkroch sich hinter seiner Arbeit. Doch Pezi, Organisationstalent und Meisterin Proper in einem, schrubbte den versifften Boden so lange, bis man nicht mehr daran kleben blieb, schaffte die Vorräte herein und wuselte wie ein Wirbelwind herum - ein Anblick, den man als Single-Mann gar nicht gewohnt ist... Mit einbrechender Dunkelheit (Jaja! Wo waren da unsere Kriminalisten?!) kamen die ersten Gäste und störten unsre eheähnliche Idylle. Die meisten fanden auch (wieder) den Weg, den man - einmal gegangen - sein Leben lang nicht wieder vergisst. Nur einer schaffte es, Flocky und BiFi mitternachts mit dem Auto auf die Piste zu schicken. Für alle Neuen: Nach Hochzoll sind es 2 Stationen mit dem Zug. 2. In Worten: Zwei. Keine Sorge, Arne, ich werde niemandem verraten, dass Du es warst, der mitternächtens Kissing besichtigen wollte. Du kannst ja auch nix dafür: Punkt 12 werden in Hochzoll die Bahnsteige eingerollt, die Bürgersteige hochgeklappt und der Mond mit einer langen Stange weitergeschoben... Der erste feste Programmpunkt war das freitagabendliche Pizza-Essen; undenkbar mit dieser Tradition zu brechen. Und glibberig-kalte Reste fanden bis zum nächsten Tag Verwendung. Der Rest war Diskutieren, Tratschen und Spielen. Stundenlang. Ab und zu unterbrochen von zögerlichen Versuchen, dem Life-Conbericht auf einer Schreibmaschine (Ja, es gibt noch welche! Man kann darauf wirklich ganz ohne Windows und Word schreiben. Unfassbar!!) den nötigen Wortfluss zu verschaffen. Und wie das mit der relativen Zeit so ist, war es plötzlich 4 Uhr morgens. Ziemlich geschlossen rückte die Fangemeinde auf dem Dachboden ein und verpuppte sich in den Schlafsäcken. Und dieses Jahr lagen die Temperaturen sogar im Plusbereich... Die Nacht verlief relativ ruhig, wenn man von Holgers Schnarcharien einmal absieht, die im SFCU bereits Legende sind und das Zeug dazu haben, im gesamten Fandom zu Berühmtheit zu gelangen. BiFi schaffte es schließlich mit rohester Gewalt, Holgers Atmung davon zu überzeugen, dass es durchaus Argumente gibt, die für ein einwandfreies Funktionieren sprechen. Bereits um halb 10 morgens bemächtigte sich meiner eine wachsende Unruhe - War es eine Vorahnung der weitreichenden Geschehnisse dieses Tages? War es die Sorge, dass vormittags eintreffende Fans vor verschlossener Tür stehen und keinen Einlass finden, weil Flocky jedes Augenöffnen vor 11 als Körperverletzung betrachtet? War es die Vorfreude auf ein Wiedersehen mit meinen zwei Lieblingspolizistinnen? Oder einfach die Biere vom Vorabend, die den Weg zur Blase gefunden hatten? Wohl von allem etwas... Als hätte meine Erhebung von der Schlafstatt eine Lawine losgetreten, kamen kaum dass die Kaffeemaschine blubberte die ersten verquollenen Gestalten die Treppe herabgekrochen. Das ausgiebige Frühstück zog sich bis weit nach 12 hin und hinterließ zufriedene, gesättigte, spiel- und diskutierbereite Fans, und so knüpften wir schnell dort an, wo wir am Vorabend aufgehört hatten. Besonders Rupert bildete das Zentrum eines Spielestrudels; immer wieder bildeten sich spontan Grüppchen, und nach Erreichen der kritischen Masse kam es zur Initialzündung: eine neue Spielepackung wurde geöffnet und es folgten stundenlange Exzesse. Raumschlachten tobten zwischen kleinen Plastikraumschiffen und um Rena, Matthew, Frank und EDM schloss sich eine Raumkugel, in der nur noch die Gesetze des Mah Jong galten. Die 4 konnten nur durch die Androhung körperlicher Gewalt oder des Nahrungsentzuges davon überzeugt werden, kurze Spielpausen einzulegen. Zum Abend kündigten sich die bekannten Programmpunkte an. Mister Fandom. Pezi kurbelte mal wieder ein elegantes Spielchen an, gefüllt mit Quizfragen, Memory-Runden und Bastelorgien. Nur bin ich mir nicht sicher, ob unsere kleine Luft- und Raumfahrtingenieurin die Kreativität des Conpöbels nicht für eigene Zwecke missbrauchte: Verdächtig, dass wir abenteuerliche Raumschiffe designen mussten! Sollte uns Petra in nächster Zeit mit der Entwicklung neuer europäischer Raumfahrzeuge überraschen, wäre es sinnvoll, genau hinzuschauen, ob wir nicht etwas wiedererkennen? Zumindest wenn es sich durch allen Gesetzen der Statik und Dynamik und streckenweise auch Asthetik widersprechende windschiefe Gebilde handelt... Eines kann und muss ich hier mal sagen: Es nennt sich zwar "Mister-Fandom-Wahl", aber im Großen und Ganzen ist es eine einzige stolze Gruppenleistung, die dort von allen Beteiligten erbracht wird. Zwar kassierte meine Wenigkeit (denkbar knapp vor Arne Handt und Frank Linner) den eleganten Glaspokal (der sich auch noch als interessant gefüllt entpuppte...) und die modische Designerjacke für dieses Jahr von Vorjahressieger Boris Leu, aber im Grunde verdanke ich meine Ehren einzig meinen jeweiligen Teams - das Los, das mich in die erlauchte Runde der Kandidaten katapultierte, versorgte mich auch mit den besten Teamkameraden. Ich hätte an diesem Wochenende Lotto spielen sollen! Ein Beispiel: Zu einer Liste von Büchern sind die richtigen Autoren zu nennen. Und wer sitzt in meinem Team und reißt den Zettel lächelnd an sich? Flocky! Das ist wie eine katholische Frage bei Jauch und der Papst als Telefonjoker... Nach der spaßigen Runde gab es eine ordentliche Stärkung. Erst zauberten die Küchenelfen ein vorzügliches Reisfleisch, und wer brav den Teller leerte bekam eine von unzähligen Consklaven handgerührte (und auch von Arne Handt gerührte...) Paradiescreme. Der Wölflingsmixer kapitulierte vor der schweren Aufgabe, das puderige Puddingpulver in die Milch zu quirlen... Nach dem Essen und der Mr. Fandom-Zeremonie, bei der gerechterweise auch die besten Einzelkämpfer geehrt wurden (es siegten Michaela und EDM), folgte die obligatorische Versteigerung. Wie immer führte Udo Emmerich gekonnt durch das Programm und spielte nicht nur auf der Tastatur sondern sogar auf dem ganzen Orchester der Verkaufs- und Uberredungskunst. Da wurden ganze Fanfamilien in den Ruin getrieben, mussten Angehörige in die Sklaverei verkaufen, ihre Autos in Zahlung geben und ihre Kinder verpfänden - und dann verkaufte ihnen Udo lächelnd noch ein Bündel quasi Altpapier oder als Krönung einen Packen Windeln. Gerechterweise muss man auch sagen, dass zwischen diesem Altpapier von Robert auch kleine Schätze versteckt wurden. Und manchmal auch große... Allein diese emmerichsche Werbeverkaufsshow ist den Besuch des alljanuarlichen Augsburger Spektakels wert - das schafft nicht mal die Puppenkiste! Die zweite Nacht auf dem Dachboden verlief noch ruhiger als die erste - also entweder haben Flockys Tequila Sunrise oder die Becherlein echten Perry-Rhodan-Sekt Holgers Atemwege beruhigt, oder es war noch immer die nackte Angst vor BiFis Beruhigungsattacken... Besonders auffällig war die ungewöhnliche, aber durchaus angenehme Wärme auf dem Boden. Und mit dem/der richtigen SchlafnachbarIn konnte einem dazu auch noch sehr warm ums Herz werden... Der Sonntag verlief naturgemäß hauptsächlich ohne mich, denn nach dem Frühstück wurde es auch wieder Zeit, sich in Richtung Bahnhof zu verkrümeln. Danke an Rena, dass sie ihr Auto meine Tasehen tragen ließ - und noch für vieles mehr! Und die Bahn schaffte es auch schnell und pünktlich, mich wieder von den Leuten wegzubringen, mit denen ich eigentlich gerne noch viel länger zusammengeblieben wäre... Aber leider hat der Tag keine 40 Stunden und die Woche keine 10 Tage... Was hat der Augustacon noch so gebracht? Ich habe viel gelernt. Zum Beispiel dass Gucky noch lebt. Und Rupert sich noch auf Cons traut auch wenn ihm Marion nur bis Samstag abend Ausgang gewährt. Dass manche Fans die Nachwuchsschaffung im Fandom sehr ernst nehmen und ihre kleinen Backenhörnchen gleich praktisch ins Congeschehen integrieren. Was "Erkiesen" und "Dislozieren" bedeutet. Dass Pezis Meisterwerk der Vaya Karten über 800 Arbeitsstunden geschluckt hat. (Wahnsinn!!) Reinhard Zens |